Emotionen sind ansteckend!

Emotionen sind ansteckend! Sie sind übertragbar von Individuen derselben sowie unterschiedlichen Spezies. Inwieweit sie übertragbar sind und zwischen welchen Lebewesen, dies ist Inhalt aktueller und zukünftiger Wissenschaft. Die Übertragung einer Emotion auf ein anderes Individuum wurde bereits bei einer Vielzahl von Arten nachgewiesen. Dies kommt nicht nur bei Säugetieren, sondern auch bei Vögeln vor.

 

Unter emotionaler Ansteckung versteht man die emotionale Reaktion, die durch die Wahrnehmung des emotionalen Zustands eines anderen Individuums ausgelöst wird. Insbesondere geschieht dies bei Mitgliedern sozialer Gruppen oder Familien, zu denen eine starke soziale Beziehung oder Bindung besteht. Es wird angenommen, dass die emotionale Ansteckung die Kommunikation und Koordination in komplexen sozialen Gruppen erleichtert. Die Abstimmung des emotionalen Zustands zwischen Individuen ist ein Mechanismus für die Weitergabe von Informationen. Dies kann die Verteidigung gegen Raubtiere oder das soziale Gruppenleben erleichtern. Emotionale Ansteckung wird als ein Kernelement der Empathie vorgeschlagen. Das Vorkommen von empathischen Verhalten habe laut Wissenschaftler nicht nur eine genetische, sondern vielleicht sogar viel mehr eine erlernte Komponente. Empathisches Verhalten entstünde demnach aus Lernprozessen und könne je nach Erfahrungen verstärkt oder geschwächt werden. Empathie sei ein wichtiges Element der Moral. Der emotionalen Ansteckung und den hieraus gemachten Lernerfahrungen kommt demnach eine bedeutende Stellung bezüglich Empathie und Moral zu.

 

Die meisten wissenschaftlichen Studien zur emotionalen Ansteckung zwischen Mensch und Tier betreffen unsere domestizierten Haustiere. Wissenschaftliche Untersuchungen beschäftigten sich beispielsweise mit der emotionalen Ansteckung zwischen Hund und Mensch. Der Hund sei ein einzigartiges Tier und die älteste domestizierte Art. Hunde koexistieren seit mehr als 30.000 Jahren mit dem Menschen und sind als Bindungspartner in die menschliche Gesellschaft eingeflochten. Hunde haben menschenähnliche Kommunikationsfähigkeiten und, wahrscheinlich als Ergebnis des Domestizierungsprozesses, die Fähigkeit erworben, menschliche Emotionen zu lesen. Daher sind manche Forscher überzeugt, dass es eine emotionale Ansteckung zwischen Mensch und Hund gibt. Allerdings ist die wissenschaftliche Belegung dessen, was im Alltag von Hundehaltern oft als selbstverständlich erlebt wird, aufgrund der eigentlich erforderlichen Komplexität solcher Versuche, noch ausbaufähig.

 

Als Beispiel wurde in einer Studie die emotionalen Reaktionen von Hunden und Menschen anhand der Herzfrequenzvariabilität, die Emotionen widerspiegeln soll, untersucht. Es wurde eine psychologische Stressbedingung bei den Besitzern erzeugt und zeitgleich die Herzfrequenz der Hunde gemessen. Die Korrelationskoeffizienten der Herzschlagintervalle zwischen Hunden und Besitzern waren positiv mit der Dauer des Hundebesitzes korreliert. Das Geschlecht der Hunde beeinflusste dies ebenso. Weibliche Tiere zeigten stärkere Werte. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die emotionale Ansteckung vom Besitzer auf den Hund vor allem bei Hündinnen auftreten kann und dass die Zeit, in der sie die gleiche Umgebung teilen, der Schlüsselfaktor für die Wirksamkeit der emotionalen Ansteckung ist.

 

Empirische Studien zur Messung der emotionalen Ansteckung konzentrieren sich meist auf die Messung der Verhaltensansteckung sowie auf das Ausmaß der emotionalen Erregung. Dabei muss eigentlich berücksichtigt werden, dass Nachahmung eines bestimmten Verhaltens nicht notwendigerweise die Ansteckung einer entsprechenden Emotion impliziert. Verhaltens- und physiologische Messungen bilden zwar aussagekräftige Indikatoren für den emotionalen Zustand eines Tieres und damit für eine mögliche Ansteckung. Diese Komponenten bewerten jedoch hauptsächlich die emotionale Erregung. Eine Emotion wird jedoch sowohl durch ihr Erregungsniveau als auch durch ihre positive oder negative Valenz definiert. Im Gegensatz zur Messung der Erregung bleibt die Quantifizierung der emotionalen Valenz also oft unerforscht.

 

Veränderungen in emotionalen Zuständen korrelieren mit Veränderungen in verhaltensbezogenen, physiologischen und kognitiven Komponenten. Menschliche Emotionen beinhalten oft eine zusätzliche subjektive "Gefühls"-Komponente, deren direkte Messung bei nichtmenschlichen Tieren derzeit als schwierig angesehen wird. Dementsprechend hat sich die Mehrheit der Tierforschung auf objektiv messbare Komponenten konzentriert, um das Vorhandensein und die Art eines emotionalen Zustands festzustellen. Die Bewegungsaktivität kann zum Beispiel sein, dass ein Tier sich einem Reiz nähert oder ihn meidet. Dieses Verhalten kann über die belohnenden oder nicht belohnenden Qualitäten eines die Emotion auslösenden Reizes informieren. Die Messung von physiologischen Parametern wie der Herzfrequenz oder Cortisolspiegel sind Methoden zur Messung des Erregungsniveaus.

 

Tiere neigen jedoch dazu, durch Unterschiede in den Persönlichkeiten, individuell auf Reize zu reagieren. Es ist somit komplexer, die Emotionen von Tieren zu erforschen! Komponenten wie Wachsamkeit, die Motivation, neue Kontexte zu erforschen und das Aktivitätsniveau im Allgemeinen müssen, neben weiteren Parametern, berücksichtigt werden! Wenn wir also nur eine Verhaltenskomponente statt eines größeren Sets messen, schränken wir unsere Interpretationen des jeweiligen emotionalen Zustands ein und verwechseln sie möglicherweise!

 

 

Quellen:

- Adriaense et al. (2019) Negative emotional contagion and cognitive bias in common ravens (Corvus corax), Proc Natl Acad Sci U S A 116(23):11547-11552.

- Albuquerque N, Guo K, Wilkinson A et al. Dogs recognize dog and human emotions. Biol Letters 2016; 12: 20150883. http://dx.doi.org/10.1098/rsbl.2015.0883

- Heyes(2018) Empathy is not in our genes, Neuroscience & Biobehavioral Reviews 95:499-507.

- Katayama et. al. (2019) Emotional Contagion From Humans to Dogs Is Facilitated by Duration of Ownership, Front Psychol 10:1678.