Emotionen werden im Körper empfunden!

Emotionen werden im Körper empfunden! Die Möglichkeit der Wahrnehmung dieser inneren Körperempfindungen ist ein wichtiger Bestandteil, damit diese emotionalen Erfahrungen an das Gehirn weitergeleitet und dann dem Menschen bewußt werden können.

Die vom Körper gesandten afferenten (ankommende/aufnehmende) Signale gehen in die zentrale Verarbeitung im Gehirn. Dort werden sie entsprechenden neuronalen und mentalen Repräsentation (Arealen/Regionen) zugeordnet. Dann geht die Antwort wieder in den Körper zurück. So führen Emotionen zu Anpassungsreaktionen, die durch autonome (in der Regel nicht willentlich und unabhängig ablaufende) Nervenreaktionen angetrieben werden. Hierdurch kommt es zur Änderung der Herzfrequenz, der Darmmotilität oder des Muskeltonus. Wird dies wahrgenommen, schreiben Menschen diese körperlichen Veränderungen bestimmte emotionalen Zuständen zu und dies mit einer gewissen Zuverlässigkeit. 

 

Emotionen können sogar topographisch, einer Landkarte ähnlich, im Körper gespürt werden. Wissenschaftler untersuchten die Vergleichbarkeit dieser Empfindungen, indem sie Studienteilnehmer um ihr somatosensorisches Feedback fragten. Sie zeigten Karten von Körperempfindungen, die mit verschiedenen Emotionen assoziiert waren. Man zeigte den Teilnehmern zwei Körpersilhouetten und daneben emotionale Worte, Geschichten, Filme oder Gesichtsausdrücken. Dann bat man sie, die Körperregionen farbig zu markieren, deren Aktivität sie beim Betrachten des jeweiligen Stimulus als zu- oder abnehmend empfanden. Unterschiedliche Emotionen wurden in allen Experimenten mit spezifischen Körperempfindungen assoziiert. Diese Karten stimmten in westeuropäischen und ostasiatischen Stichproben überein. Daher ist anzunehmen, dass Emotionen kulturell universelle in bestimmten Körperregionen empfunden werden.

Die meisten Grundemotionen waren mit Empfindungen erhöhter Aktivität im oberen Brustbereich verbunden, die wahrscheinlich mit Veränderungen der Atmung und der Herzfrequenz zusammenhängen. Auch die Empfindungen im Kopfbereich waren bei allen Emotionen gleich, was wahrscheinlich sowohl physiologische Veränderungen im Gesichtsbereich (d. h. Aktivierung der Gesichtsmuskulatur, Hauttemperatur, Tränenfluss) als auch die durch die emotionalen Ereignisse ausgelösten gefühlsmäßigen Veränderungen der Geistesinhalte widerspiegelt. Die Empfindungen in den oberen Gliedmaßen waren am ausgeprägtesten bei auf Annäherung ausgerichteten Emotionen, Wut und Glück, während Empfindungen einer verminderten Gliedmaßenaktivität ein bestimmendes Merkmal von Traurigkeit waren. Empfindungen im Verdauungstrakt und im Bereich des Halses traten vor allem bei Ekel auf. Im Gegensatz zu allen anderen Emotionen war Glück mit verstärkten Empfindungen am ganzen Körper verbunden. Die nicht-grundlegenden Emotionen wiesen ein viel geringeres Maß an Körperempfindungen und räumlicher Unabhängigkeit auf, mit Ausnahme eines hohen Maßes an Ähnlichkeit zwischen den Gefühlszuständen Angst und Traurigkeit und ihren jeweiligen verlängerten, klinischen Varianten von Angst und Depression.

Emotionen werden somit im Körper wahrgenommen! Es gibt darüber hinaus das Phänomen, dass beim Beobachten eines anderen Individuums im eignen Körper Emotionen gespürt werden! Hierbei handelt es sich um die sogenannte emotionale Ansteckung. Empathie, das sich Einfühlen in ein anderes Individuum, beinhaltet noch eine weitere Komponente, die Unterscheidung, ob die spürbare Emotionen ihren Ursprung im anderen oder in einem selbst hat. Ein effektives soziales Funktionieren erfordert die Fähigkeit, den eigenen emotionalen Zustand von dem anderer zu unterscheiden. Diese Unterscheidung zwischen sich selbst und anderen während des emotionalen Erlebens sei dementsprechend wichtig für die Fähigkeit zur Empathie und wird als eines ihrer Merkmale beschrieben.

Erwachsene seien laut einer experimentellen Studie hierzu eher in der Lage als Kinder. Den Studienteilnehmern wurde eine Silhouette eines menschlichen Körpers gezeigt, an der sie Stellen einzeichneten, an denen sie beim Betrachten von Film- und Musikclips eine emotionale Reaktion verspürten. Ebenso sollten sie Stellen einzeichnen, an denen sie glaubten, dass die Figur im Film oder der Interpret eine Emotion empfand. Der Zusammenhang zwischen kognitiver Empathie und dem Grad der Überlappung zwischen dem eigenen und dem fremden Körper wurde auch bei Kindern (8-11 Jahre alt) festgestellt, obwohl Kinder bei der Aufgabe insgesamt schlechter abschnitten (Anmerkung: Die Studie war nicht öffentlich einsehbar und daher ist nicht klar, wie die Kinder die Situationen erlebten und beschrieben)..

 

Manche Wissenschaftler schreiben Emotionen nicht nur eine rein automatisierte Antwort auf einen Reiz zu, sondern sehen sie im weiteren körperlich-psycho-sozialen Kontext. Emotionen seien zwar Automatismen, doch diese stünden in Verbindung mit der sozialen Welt, zum Beispiel durch den Sinn der Sprache der Mutter. Emotionen stellten darüber hinaus eine integrative Funktion zwischen den beidem Antagonismen Geist und Automatismus bzw. Emotion und Geist, dar. Die ursprüngliche Funktion der Emotionen betrifft das Kommunikationssystem. Die erste Funktion der Emotion sei die Suche nach einer Aktion im Familienkreis, durch Mimikry mit der Umgebung und emotionale Ansteckung. Dieses emotionale System ist völlig abhängig (süchtig) von der Umwelt. Es kann als Werkzeug angesehen werden, um sich mit der Umgebung abzustimmen und begünstigt sofortige Empathie innerhalb des Säuglings und des Familienkreises. So wird die geistige und motorische Anpassung ermöglicht sowie die notwendige Plastizität für die Entstehung von Bewusstsein. 

 

Die Fähigkeit, die emotionalen Zustände anderer wahrzunehmen, ist demnach eine Schlüsselkomponente in sozialen Interaktionen. Im ZNS existieren hierfür entsprechende sensomotorische Regionen. Dem somatosensorischen Kortex kommt eine besonders wichtige Rolle für das menschliche Emotionsverständnis zu. Während verschiedene Emotionen in bestimmten Körperteilen erlebt werden, ist jedoch nicht bekannt, ob der somatosensorischen Kortex entsprechende somatotopische Aktivierungen für verschiedene emotionale Ausdrücke aufweist. Wenn Empfindungen von Körperteilen bestimmten Arealen auf dem somatosensorischen Kortex zugeordnet werden können, wie man heute weiß, aktivieren die im Körper spürbaren Emotionen dieselben Bereiche im Gehirn? In einer Studie untersuchten Wissenschaftler, ob die affektive Reaktion, die durch die Beobachtung der emotionalen Gesichtsausdrücke anderer ausgelöst wird, zu unterschiedlichen Aktivierungen im sensomotorischen Kortex führt. Wobei nur wenige Körperregionen, wie zum Beispiel die Region für den Finger oder der Fußzehe untersucht wurden. Die Ergebnisse zeigten eine emotionsspezifische Reaktion im Fingerbereich der Hirnregion bei der Beobachtung von wütenden im Gegensatz zu traurigen Gefühlsausdrücken. Nach Kontrolle der Übertragungseffekte der visuell evozierten Aktivität. Dies sind erste Hinweise darauf, dass die Regionen von Körperempfindungen und körperlich wahrnehmbaren Emotionen im somatosensorischen Kortex sieselben sein könnten.

Menschen können emotionale Zustände anderer erleben und diese verkörperten Reaktionen nutzen, um das Verhalten in komplexen sozialen Interaktionen zu verstehen und vorherzusagen. Das Erleben und Verstehen von beobachteten Emotionen wird durch ein verteiltes Hirnnetzwerk unterstützt, das sowohl ältere sensorische Areale im visuellen, auditiven und motorischen Kortex als auch neuere Hirnareale wie den präfrontalen und orbitofrontalen Kortex und den temporo-parietalen Kortex umfasst. Die motorischen und sensorischen Kortexe, einschließlich des somatosensorischen Kortex sind in hohem Maße mit dem limbischen System vernetzt. Die Aktivität in diesen Bereichen steht in Zusammenhang mit der Leistung bei einfachen Wahrnehmungsaufgaben wie der Erkennung von Emotionen oder der Unterscheidung von Gesichts- und Körperausdrücken sowie bei komplexeren sozialen Aufgaben wie der Imitation oder der Perspektivenübernahme. Dem Körper des Beobachters kommt dabei eine besondere Rolle zu, da er ihn für diese Leistung braucht. Dem Körper kommt demnach beim Erleben eigener oder anderer Emotionen und Empfindungen eine bedeutende Rolle zu! 

 

 

Quellen:

- Sachs et al.(2019) Echoing the emotions of others: empathy is related to how adults and children map emotion onto the body, Cogn Emot 33(8):1639-1654.

- Nummenmaa et al.(2013) Bodily maps of emotions, Proc Natl Acad Sci U S A 14;111(2):646-51.

- Critchley and Garfinkel (2017) Interoception and emotion, Curr Opin Psychol 17:7-14.

- Volynets et al.(2020) Bodily maps of emotions are culturally universal, Emotion 20(7):1127-1136.

- Santiago Delefosse (2000) Actuality of Wallon's emotional model: toward a "body-psychosocial" model of emotions, Encephale 26(1):8-20.

- Sel et al. (2020) The somatotopy of observed emotions, Cortex 129:11-22.