Wer sind wir in der Stille?

In der Stille löst sich das Selbst auf. Schauen wir uns die Bedeutung genauer an, sowie die Schwierigkeiten, die damit einher gehen können und, warum es trotzdem Sinn macht!

 

Buddhisten sagen, es gäbe kein Selbst, keine inneres, unveränderliches Wesen im Menschen. Das Wort Seele wird hier nicht verwendet, wohl aber die Bezeichnung Buddhanatur.

Andere Religionen sprechen nicht über das Selbst, betonen hingegen die Seele, die dem Menschen und anderen Wesen inne wohnt. Ist hier Seele und Selbst gleichzusetzten?

Nicht-religiöse Weltanschauungen und westliche Psychologie sprechen ebenfalls vom Selbst sowie vom Ego.

Dabei ist zu beachten, dass es nicht den einen Buddhismus, das eine Christentum oder eine andere Religion sowie nicht die eine Psychologie gibt!

Diese Begrifflichkeiten zu definieren ist demnach nicht leicht, vor allem, da dieselben Wörter manchmal in anderem Kontext und Bedeutung verwendet werden.

 

Befasst man sich mit der Stillemeditation, so wird man jedoch unweigerlich mit diesen Begrifflichkeiten konfrontiert. Denn, wenn alles still wird, Gedanken- und Körperempfindungen ruhig werden, was bleibt dann noch? Irgendwann kommt ein Punkt, an dem das „Selbst“ und diese unbekannte Stille sich gegenübersitzen, nicht nur bildlich sondern gespürt. Wie geht es dann weiter?

In der östlich geprägten Meditationsform des buddhistischen Zen heißt es, man solle sich der Leere hingeben. Wie der Meditierende dies zulassen kann, da gibt es unterschiedliche Wege, mentale oder körperliche Hilfsmittel.

Selbst in der christlichen meditativen Kontemplation löst sich das individuelle Selbst auf. Hier wird es Eins mit Gott oder das göttliche durchdringt den Menschen ganz, so dass er in ihm aufgeht. Der Weg, der dahin führt, ist ähnlich, wenn auch etwas anders. Der Meditierende betrachtet hier bewusst ein Gegenüber, Gott, um dann das Selbst diesem zu überlassen.

Nicht-religiöse Meditationsformen, die Spiritualität, Religion oder Esoterik bewusst ausklammern, halten sich hingegen mehr an der Oberfläche. Sie verbleiben in der dualen Welt. Denn würde sie mehr in die Tiefe gehen, dann berührten sei unweigerlich den Bereich, indem sich Fragen nach dem Selbst, dem Nicht-Selbst und dem göttlichen, das Leben durchdringende, das Leben hervorbringende, stellen würden. Denn das Leben ist spürbar und Stille ist eben nicht still, sondern von Leben durchdrungen.

 

Sowohl Leere als auch Gott durchdringen, vereinnahmen, erlöschen also in der tiefen Stillemeditation dieses Selbst, von dem der Meditierende annahm, dass er aus diesem bestünde. Warum sollte man dies wünschen? Was soll das? Die Motivation kann verschieden sein. Der eine sucht Gott, Trost, der andere Weisheit, wieder andere Liebe oder einen tieferen Sinn im Leben.

Den meisten Lebewesen ist gemeinsam, dass sie nach Zufriedenheit streben, Leid meiden oder aber hierin tiefere Transformation finden und eine gewissen Neugier besitzen sowie Interesse am Gegenüber. Negativer Stress und Erfahrungen mögen das Wesen von diesem Streben abbringen. Was aber bringt Zufriedenheit? Schenken macht glücklicher als beschenkt zu werden, heißt es. Und so scheint Altruismus ein treibender Faktor zu sein. Lebewesen blühen auf, wenn ihnen liebevoll Zuneigung und offenes, interessiertes, nicht-wertendes Gewahrsein entgegengebracht wird. Aber sie verspüren ebenso oder gar noch mehr Glück, wenn es einen Gegenüber gibt, dem sie dies zukommen lassen können. Altruistisches Geben scheint der Sinn des Lebens zu sein und zeigt nebenbei auch, dass dies allem gesamten Leben zugute kommt. Abzugrenzen vom Altruismus ist jedoch das Geben, welches den Egoismus anderer unterstützen würde. Um dies voneinander zu unterscheiden und um intuitives von unbewusstem Handeln differenzieren zu können, dafür kann der Stillemeditation eine tiefe Bedeutung zukommen.

 

Der Weg zur Stille ist akzeptierend, mitfühlend, die Stille oder Gott liebend, ganz gleich welche Religion oder Weltanschauung man vertritt. Wer die Stille nicht liebt, der findet nichts. Doch auch die Leere ist eben nicht Nichts. Ohne Liebe geht es somit nie in die Stille und dieses Lieben gelingt nur ohne Selbst! Selbstlose Liebe ist es, die über „sich-selbst“ hinaus wächst und die keine Grenze kennt, die nicht an Bedingungen gebunden ist. Aber als Mensch, der wir sind, in einer dualen Welt lebend, die nicht perfekt, dafür aber lebendig ist, geht dies nur demütig! Warum? Weil wir nicht 24 Stunden am Tag selbstlos leben können! Und mit dieser Einsicht wächst die Selbstakzeptanz und auch das Akzeptieren des unperfekten Gegenübers!

Damit wären wir wieder beim Selbst! In der tiefen Stillemeditation geht es um das Nicht-Selbst, im dualen Alltag jedoch ist ein Selbst wichtig, doch nicht in dem Maße, dass es in das andere Extrem übergeht, sich alles nur um das eigene Ego dreht. Daher macht es Sinn den Mittelweg, wie ihn Buddhisten nennen, zu gehen. Zu Üben, das Selbstlose mittels des Selbst in die duale Welt hineinzutragen, dafür brauchen wir dieses Eingehen in die Stille.

 

Manchen fällt der Übergang von Selbst zu Nicht-Selbst (scheinbar) leicht. Doch es gibt Fallstricke und Irrwege. Hat jemand ein übersteigertes Selbstbewusstsein, so kann sich dies ebenfalls in die Meditation tragen. Manche bezeichnen dies als spirituelles Ego, eine Person, die sich aufgrund ihrer spirituellen Leistungen und Fähigkeiten anderen erhaben fühlt. Das andere Extrem sind Personen mit sehr niedrigem Selbstwert, wie es vor allem nach seelischen Traumata und insbesondere frühkindlichen und/oder mehrfacher Traumatisierung der Fall sein kann. Hier kann sich die Stille wie eine tote Leere anfühlen. Wo nie ein Selbst war, kann die Stille nicht wirklich eindringen. Hier besteht die Gefahr einer Retraumatisierung durch vermeintlich harmlose Meditation. Hingegen kann insbesondere die Achtsamkeitsmeditation und vielleicht später auch das tiefere in die Stille Eintreten Therapieprozesse heilsam begleiten. Denn die Psychologie spricht auch von einem Trauma-Selbst, welches anstelle eines echten Selbst vorherrscht. Dieses gilt es zu erkennen und sich davon zu lösen. Somit hilft auch hier das Überwinden des Selbst, diesmal in Form eines Trauma-Selbst, das Leid zu transformieren. Doch dies geht meist nicht allein, sondern braucht in der Regel erfahrene Begleitung.

 

Mittlerweile haben Achtsamkeitspraktiken und Meditation auch für Psychologen an Bedeutung zugenommen, da man erkannt hat, dass eine akzeptierende und im Hier und Jetzt verankerte Präsenz des Therapeuten dem Gegenüber hilft. Gleiches gilt für spirituelle Begleiter und ebenso, was vermutlich weit unterschätzt wird, für Freunde und Menschen im sozialen Umfeld. Immer dort, wo einem eine wertfreie und vor allem liebevolle Präsenz begegnet, ist etwas spürbar, wird eine Atmosphäre erzeugt, die das Selbst des Menschen durchdringt und ohne Grenze weiter geht. Dies sind heilsame Momente, sinnstiftende Begegnungen und lebendige Erfahrungen mit einem Gegenüber. Ich behaupte aus Erfahrung, dass dies nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Tieren und artübergreifend zwischen Mensch und Tier und allem miteinander verbundenen Leben geschieht. Wenn wir die Momente erkennen und zulassen können, wird dieses Wunder des Lebens miteinander spürbar! Und dies ist für mich der tiefere Sinn in der Stillemeditation.